Trekking in Kasachstan 2001
Regen nur am Nachmittag
(oder)
Zuerst die Pferde, dann die Liebe
Eine Reise in eines der einsamsten Gebirge dieser Erde, den Tien Shan. Eine Reise aber auch in eines der blumenreichsten Gebirge dieser Erde,
das "Himmmelsgebirge"
Von Leo Lieb
Ein etwa siebenstündiger Flug bringt uns von Frankfurt nach Almaty, dem früheren Alma Ata. Wir besichtigen diese grüne und geschäftige Stadt, die bis 1994 die Hauptstadt von Kasachstan, unserem Reiseland, war.
Am späten Vormittag beginnt die Fahrt in das Himmelsgebirge. Mit einem Kleinbus fahren wir sicher und auch recht komfortabel zu unserem Ziel, dem Bergsteigerlager Karkara. Die Fahrt dorthin führt anfangs durch fruchtbares, bewässertes Bauernland. Gemüse aller Art und Obst in großer Fülle werden in kleineren Märkten am Straßenrand angeboten - ein schönes und farbenprächtiges Bild. Plötzlich ist die Bewässerung zu Ende, und wir befinden uns in einer kargen Halbwüsten-Landschaft. Wir überqueren ein Vorgebirge des Tien Shan und kommen nun auf eine grüne, fruchtbare Hochsteppe, unmittelbar am Fuße des eigentlichen Hochgebirges. Und hier liegt auch der Ausgangspunkt unserer Bergtour, das Lager Karkara. Ein fest gebautes Wirtschaftsgebäude mit Speisesaal, gute Bungalowzelte auf Holzsockel und sogar eine Sauna machen das Leben hier wahrlich angenehm.
Wanderung durch das "Allgäu der Ostens"
Der erste Tag beginnt mit einer Eingehtour auf einen der nahen Berge: Ein stolzer, aber namenloser Gipfel in Zugspitz-Höhe, nämlich 2895 Meter. Wir machen die erste Bekanntschaft mit unserer neuen Umgebung. Markierungen gibt es uberhaupt nicht, Wege oder Pfade nur sehr, sehr spärlich. Dafür aber wacholderähnliche "Latschen", die ein Durchdringen fast unmöglich machen. In tieferen Lagen brusthohes Gras, und hier beginnt bereits die Blumenpracht: Eisenhut, eine Ritterspornart, Gelber Mohn, Knäuelglockenblumen, Enziane, blau und weiß usw. Jeder von uns ist von dieser botanischen Vielfalt begeistert. Wir sehen auf unserem Gipfel, dass vor uns ein riesiges Gebirge liegt. Um uns nur "Allgäu": Grüne Matten, rauschende Bäche und Flüsse, immer wieder felsige Gipfel mit kleinen Schneefeldern und fern am Horizont die Hauptgipfel des Tien Shan, der Pik Pobeda (7439 m) und wegen seiner beherrschenden Lage noch wesentlich eindrucksvoller der Kan Tengri
(7010 m). Allerdings müssen wir auch feststellen, dass uns ein langer Marsch bevorsteht. Die Strecke Garmisch - Berchtesgaden könnte schon vor uns liegen; also heißt es, die Wadl schmieren für die nächsten Tage!
Mit dem neuen Tag beginnt die große Wanderung, zuerst - ehrlich gestanden -
noch motorisiert. Mit dem LKW fahren wir in ein wunderbares Hochtal. Neben unserer Straße rauscht ein wilder, fischreicher Fluss. Um uns stehen ausgedehnte Wälder, vorherrschend mit der typischen Tien-Shan-Fichte bewachsen, einem Baum, der sich im Wuchs den harten Vorgaben der Natur völlig angepasst hat. Er ist hoch und bleistiftdünn. Damit kann er die riesigen Schneemengen des Winters gut und sicher ablenken.
Nach einer Stunde Fahrt weitet sich das Tal. Eine breite, grüne Aue liegt vor uns und darauf stehen - für uns ganz neu und besonders interessant - Jurten von Nomaden. Wir machen Halt und werden sehr freundlich empfangen. Die Mutter der Familie lädt uns ein, wir können alles besichtigen und werden zum Trinken der Stutenmilch (Kumys) aufgefordert. Mit ihrem leicht säuerlichen Geschmack schmeckt sie uns allen. Dann geht die Fahrt weiter, und wir sehen für die nächsten vier Tage keinen Menschen mehr.
Am nächsten Nachmittag steht unser Lager in einer weiten Weidelandschaft. Den Waldgürtel haben wir schon seit einiger Zeit zurückgelassen. Unsere kasachischen Pferdetreiber und Träger sind mit einem anderen LKW bereits zu uns gestoßen. Aber die Pferde fehlen noch. Auch sie sollen aus Karkara kommen. Der erste Lagerabend verläuft äußerst romantisch. Ein Lagerfeuer prasselt und ein junger Kasache führt uns sehr gekonnt und stimmungsvoll Lieder auf seiner Dombra vor. Dieses mandolinenähnliche Saiteninstrument ist in Kasachstan weit verbreitet und wird von Hirten, aber auch von Städtern gerne gespielt. Die Texte der Lieder handeln fast immer von Pferden und von der Liebe. Wobei die Pferde an erster Stelle stehen...
Frühmorgens am nächsten Tag, kommen, heiß ersehnt, endlich unsere Pferde. Die zwei begleitenden Hirten können unsere Ungeduld überhaupt nicht verstehen. Sie haben knapp einen Kilometer vor unserem Lager kampiert, weil sie dort einen besonderen günstigen Platz für ihre Tiere gefunden haben. Wir geschäftigen, oft auf übertriebene Perfektion bedachten Europäer müssen eben etwas umdenken.
Mit dem heutigen Tag beginnt für sieben Tage ein beschauliches, wenn auch zeitweise etwas anstrengendes Wandern durch eine einmalige Gebirgslandschaft. Wir überqueren mehrere Pässe, durchwaten zahlreiche Bäche und kleine Flüsse, zelten an grünen Seen, haben immer wieder gewaltige Ausblicke auf den Hohen Tien Shan und merken mit jedem Tag, dass wir unserem Ziel, dem Kan Tengri, näher und näher kommen. Die Blumenpracht überrascht uns stets aufs Neue. Wir suchen unseren Weg durch echten Bergurwald, sehen Maralhirsche, schrecken Königshühner auf - und über uns kreisen immer wieder Bartgeier. Dass wir völlig alleine sind, brauche ich nicht mehr zu erwähnen.
Über Eis und Fels nach Bayankol
Am siebten Trekkingtag tritt eine neue Situation für unsere Bergfahrt ein: Die Pferde können uns aufgrund des schwierigeren Geländes nun nicht mehr folgen. Unsere örtliche Agentur schickt uns mit einem Hubschrauber kirkisische Träger und einen Teil unserer Eisausrüstung. Wir nehmen Abschied von unseren Treibern und deren Pferden, die sich sehr bewährt haben. Nun gehen sie in langen Tagesmärschen zurück ins Lager Karkara.
Für uns beginnt jetzt ein neuer, interessanter und fordernder Abschnitt der Reise. Wir sind mit Erreichen des Lagers Aschutor an den Fuß der Gletscherberge gekommen. Ab morgen brauchen wir zeitweise Steigeisen, Pickel und Bergseil. Um uns ändert sich aber auch die Landschaft. Die Gipfel sind nordseitig mit gewaltigen Gletschern bedeckt. Südseitig sind sie meist völlig eisfrei, da die heiße Sonne Innerasiens im Sommer gewaltig nieder brennt und an den Südhängen eine Eisbildung nicht zulässt. In den breiten Abflusstälern liegen riesige , 20 bis 30 Kilometer lange Gletscher. Sie sind mal völlig mit Schutt bedeckt, mal blenden sie mit blankem Eis.
Wir überschreiten am Semenow-Pass erstmals die Viertausender-Grenze, finden aber immer wieder eisfreie, traumhaft schöne Lagerplätze.
Beim Marsch zum Lager Bayankol, dem elften Lager, erleben wir unser Gebirge in seiner ganzen Wildheit und Unberührtheit. Zuerst gehn wir noch recht gemütlich entlang der Seitenmoräne, dann auf den anfangs ebenen Gletscher. Nach kurzer Zeit zeigt er die Zähne. Abseilen über eine Blankeisflanke, drüben wieder gesichert hoch, queren des Gletscherbaches, nun mit Seilsicherung und dazu am späten Nachmittag, der häufig auftretende "Nachmittags-Duscherer". Heute werden wir wahrlich gefordert, aber wir finden dafür manchmal Wegmarkierungen - riesige Steinbockgehörne stehen im Gelände. Die Böcke wurden entweder von Lawinen erschlagen oder von Wölfen gerissen. Wilderer gibt es hier nicht mehr.
Im Lager Bayankol waren wir nicht nur in einmaliger Landschaft zu Füßen der Marmorwand und anderer 5000er, sondern für uns Deutsche auch auf historischem Boden. Der Münchner Dr. Gottfried Merzbacher und der Nürnberger Hans Pfann waren bereits 1902 hier, um den Tien Shan zu vermessen, die Lage des Kan Tengri zu erforschen und - man staune - die Marmorwand zu besteigen. Letzteres gelang leider nicht. Dr. Merzbacher blieb
zwei Jahre in dieser wilden Landschaft.
Zu Füßen des Kan Tengri und zum Karly Tau (5450 m)
Wieder musste das "Transportwesen" neu organisiert werden. Wir gelangen in einem großartigen Hubschrauberflug über die vor uns liegende 5000 Meter hohe Eisbarriere ins Bergsteigerlager Nord-Inyltschek. Unsere Ausrüstung ( Zelte, Küche, Apotheke, Schlafmatten) wird ins Hochlager "Karly Tau" auf 4800 Meter gebracht, unsere getreuen und bewährten Träger werden nach Karkara zurück geflogen.
Im Lager Nord-Inyltschek sind wir in neuer, nach soviel Einsamkeit ungewohnter Umgebung. Hier befindet sich ein typisch russisches Bergsteigerlager mit Küche, fest aufgestellten Zelten, einem Lagerarzt und dazu eben auch einigen anderen Bergsteigern. Wir stellen uns um und fühlen uns schnell auch hier wohl. Morgen beginnt der Aufstieg zum Karly Tau, dem krönenden Abschluß unserer Bergfahrt.
Bei strahlendem Sonnenschein verlassen wir unser Lager schwer bepackt. Anfangs geht es nur leicht steigend den Inyltschek-Gletscher aufwärts. Um uns herum Eisriesen von gewaltigen Dimensionen. Beherrschend, wahrlich wie der Herr des Himmels, der Khan (Herr) Tengri. So schrieb ihn, meines Erachtens richtig, Dr. Merzbacher.
Ein Eisbruch wird durchschritten, eine etwa 50° steile Eisflanke überwunden und nach ungefähr fünfeinhalb Stunden reiner Gehzeit sind wir am Hochlager (4800 m). Wir bauen das Lager auf und bestaunen die einmalige Bergwelt um uns. Wir haben sehr gute, ortskundige Begleiter, unseren bewährten Führer Sergey, die "Mutter der Kompanie" Gulmira, die uns in allen Situationen mehr als vorbildlich betreut, und den örtlichen Führer Alexej mit drei zusätzlichen Helfern.

Dem morgigen Tag sehen wir gespannt und hoffnungsfroh entgegen - und wir werden nicht enttäuscht: Strahlender Sonnenschein kündigt sich beim Aufbruch um sieben Uhr an. Wir kommen gut und schnell zum Karly-Tau-Pass (5050 m). Nun zeigt sich aber, dass der "Nachmittags-Duscherer" eventuell heute bereits vormittag kommen wird. Wir ziehen dennoch weiter. Eine steile Eisflanke wird bei guten Verhältnissen überwunden. Der Gipfelgrat ist nun erreicht, er ist anfangs nur mäßig steil. Nach etwa einer halben Stunde Marsch auf den Gratrücken steilt er wieder auf. Das Wetter ist deutlich schlechter geworden, starker Wind und auch schneidende Kälte empfangen uns unfreundlich. Wir sind auf 5350 Meter Höhe, etwa 120 Meter unter dem eigentlichen Gipfel. Die Wettersituation sieht nicht freundlich aus, einige klagen über sehr kalte Füße und Hände. Ich erkläre unseren Gratbuckel zum " Kleinen Karly Tau". Wir sind glücklich über das Erreichte und kehren um. Vier Eisenharte steigen mit Sergey noch die 100 Meter höher und sind stolz am Hauptgipfel (5450 m).

Am Hochlager sind wir wieder vereint. Mittagessen und Lagerabbau, dann ein langer und kraftzehrender Abstieg - dies sind die Aufgaben für die nächsten Stunden. Überglücklich, wenn auch hundemüde, erreichen wir gegen 20 Uhr das Lager Nord-Inyltschek. Nach einem Ruhetag im Lager mit einer kleinen Feier kommt am folgenden Tag nochmals ein besonderer Leckerbissen der Reise. Wir fliegen mit dem großen, sehr bewährten russischen Mi-8-Hubschrauber über den Tien Shan zurück nach Karkara. Bergriesen mit gewaltigen Eisflanken, unendliche Gletscherströme, kühne Felsspitzen und nicht enden wollendes Weideland fliegen unter uns vorbei. Wohl behalten und glücklich laden wir im Bergsteigerlager.

Zum Abschluß bringt uns der Bus durch sehr eindrucksvolle Landschaft zurück nach Almaty. Endlich wieder eine Nacht im Bett erfreut uns alle. Eine interessante Stadtführung mit Besichtigung des Regierungsviertels, der Senkow-Kathedrale und des farbenprächtigen Marktes schließen die Reise ab. Und abends bei einer zünftigen Feier mit unseren Führern nehmen wir Abschied von dem wunderbaren Tien-Shan-Gebirge und dem schönen Land Kasachstan.
Tien Shan
Die Chinesen nennen den Tien Shan sehr treffend das Himmelsgebirge. Dies sicherlich, weil die Berge bis in den Himmel ragen, aber auch weil die Landschaft mit seinen wilden Gipfeln, den weißen, gewaltigen Gletschern, den grünen bis zum Horizont reichenden Matten und den zahllosen smaragdgrünen Seen einfach himmlisch ist. Zwar liegt der Tien Shan ein wenig im "Schatten" von Himalaya, Karakorum und Pamir, dies aber wahrlich völlig unzurecht. Die höchsten Gipfel sind über 7000 m hoch und brauchen in Form und in ihren Besteigungsmöglichkeiten keinen Vergleich mit den Eisriesen des Himalaya(Karakorum zu scheuen. Sehr beeindruckend ist an diesem Gebirge seine absolute Einsamkeit und ganz besonders seine unfassbare Blumenfülle und Blütenpracht.
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